Wie wir über digitale Gesundheit reden: Wider das diskursive Match

„Der Ton macht die Musik“ ist ein altes Sprichwort, welches darauf hinweist, dass die Wahrnehmung einer Botschaft nicht nur vom „Was“, sondern auch vom „Wie“ abhängt. Für einen konstruktiven gesellschaftlichen Austausch über digitale Gesundheit sollten wir uns nicht nur fragen, ob wir die gleiche Sprache sprechen, sondern auch wie wir über digitale Gesundheit sprechen.

Vor dreißig Jahren prägte der Soziologe Ullrich Beck den Begriff der Risikogesellschaft, in der wir mittlerweile leben: Wir beschäftigen uns im Wesentlichen nicht mehr wie Industriegesellschaften damit, wie wir die Natur für den Menschen nutzbar machen können. Vielmehr widmet sich die heutige Gesellschaft den Risiken, die aus unserem wirtschaftlichen und technischen Fortschritt entstehen und hinterfragt ständig im öffentlichen Diskurs den Modernisierungsprozess an sich. Nichts anderes passiert im Bereich der digitalen Gesundheit: Welche Chancen und Risiken bringt sie mit sich? Die öffentliche Debatte über die Chancen und Risiken der Digitalisierung des Gesundheitswesens folgt dabei, einem Tennis-Match gleich, dem ewig selben Muster.

Erst kommt der Aufschlag: die Digital Natives, die Mover and Shaker, die Forscher und kreativen Start-ups zeigen den anderen Digital Natives und denen, die es nicht mehr werden können, was alles möglich ist. Wir können Roboter in der Pflege einsetzen, dank Big Data können die beste Behandlungsoption und der beste Behandlungspfad für Patienten ausgewählt werden. Wir können uns mit dem Smartphone fit halten und die unweigerlich mit fortschreitendem Alter auf uns zukommenden Gebrechen per Online-Tagebuch managen. Der Arzt kann, wenn er denn auch willig und vielleicht sogar so ein Digital Native ist, mit zwei Klicks sehen, welche Medikamente wir nehmen müssen. Begleitet wird der Aufschlag natürlich von entsprechendem Vokabular, auf Englisch am besten. Hier werden neue Ansätze schnell diskursiv zum Game Changer der Gesundheitsversorgung.

Dann kommt der Return, welcher hauptsächlich aus einer Reihe strategischer Fragen besteht: Was ist mit der Evidenz? Was ist mit dem Datenschutz? Welche ethischen, sozialen, wirtschaftlichen Auswirkungen haben Innovationen? Fachsprachlich, latinisierend, wird hinterfragt, ob die Nutzung von Big Data nicht wohlmöglich das Berufsbild des Arztes erodiert, wir nicht ständig überwacht würden und ob nicht die Roboter jedem Prinzip der humanen Pflege widersprächen. Foucaults „Überwachen und Strafen“ lässt grüßen. Und wenn man diese Reihe der Fragen noch steigern will, setzt man auf den rhetorischen GAU: Wo bleibt denn der Mensch bei all dem Fortschritt?

Und dann Satz und Sieg? Genauso wie der Aufschlag im Spiel seine Berechtigung hat, gilt dies für den Return. Beide vertreten legitime öffentliche Anliegen. Doch scheint die öffentlich-mediale Argumentation über überhöht positive wie auch negative Einzelbeispiele wenig konstruktiv. Vielmehr sollten wir unser Augenmerk darauf lenken, wie wir verantwortungsvoll Bürger (und jeder davon wird einmal Patient sein) dazu befähigen mit Unsicherheiten der digitalen Gesundheit umzugehen. Dazu gehört auch, Chancen fundiert und verständlich darzustellen, ohne die Risiken zu vergessen, Unwägbarkeiten klar zu benennen und so Transparenz in einen komplexen Modernisierungsprozess zu bringen. Daran arbeiten wir im Projekt Der digitale Patient.


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