Bild einer Gesundheits-App

Ärzte und Gesundheits-Apps: Patienten wünschen sich Behandlung aus einem Guss

Wie ernst zu nehmen ist die Entwicklung auf dem Markt für Gesundheits-Apps für die medizinische Versorgung? Wie nutzen Patienten Apps, welche Rolle spielen ihre Ärzte dabei? Und was ist zu tun, damit nutzenstiftende Anwendungen schneller im Versorgungsalltag ankommen? Der Hartmannbund hat uns für sein aktuelles Magazin mit dem Titel „Die smarte Revolution“ um unsere Einschätzungen gebeten. Wir veröffentlichen das Interview 1:1 hier bei uns im Blog. Die zentralen Aussagen: Patienten wünschen sich, dass die Behandlung durch ihren Arzt und die Untersützung durch Apps aus einem Guss funktionieren. Damit das künftig häufiger der Fall ist, braucht es technische und „kulturelle“ Interoperabilität genauso wie adäquate Mechanismen für den Marktzugang von Apps. In mehrfacher Hinsicht helfen, könnte ein spezielles Förderprogramm zum Nutzennachweis der Anwendungen. Und (noch) mehr Zusammenarbeit zwischen Entwicklern und Ärzten. 


Hartmannbund: Das Angebot an Gesundheits-Apps für Patienten und Versicherte scheint dynamisch zu wachsen. Gibt es verlässliche Zahlen zum Angebot insgesamt?

Über Chancen und Herausforderungen von Gesundheits-AppsDas Angebot ist in den vergangenen Jahren deutlich gewachsen. Die technologischen Möglichkeiten werden immer größer, die Verbreitung von Smartphones hat zugenommen – und ‚Gesundheit‘ ist ein attraktiver Markt für Entwickler. Zudem erleben wir einen Wandel im Selbstverständnis vieler Patienten, die sich autonomer um ihre Gesundheit kümmern wollen. Verlässliche Zahlen sind schwierig zu nennen. In den AppStores oder bei Google findet man keine abschließenden Listen – und der Markt ist sehr dynamisch. Hinzu kommt: Es gibt keine allgemeingültige inhaltliche und technische Abgrenzung des Begriffs ‚Gesundheits-App‘.

Analysen, die sich der Frage nach der Zahl genähert haben, schwanken daher von rund 100.000 bis über einer Million Apps weltweit. Und nach unseren Recherchen gibt es inzwischen annähernd 100 deutschsprachige digitale Anwendungen für Patienten, die als Medizinprodukt zertifiziert sind – wenn man so will eindeutige ‚Medizin-Apps‘.

Hartmannbund: Sie haben es angedeutet: Unter dem Begriff ‚Gesundheits-App‘ werden ganz unterschiedliche Klassen von Anwendungen zusammengefasst. Wie viel von dem, was angeboten wird, ist eigentlich ‚Lifestyle‘, wie viel ernst zu nehmende Medizin?

Wir haben uns vor rund zwei Jahren den Markt systematisch angeschaut und sieben verschiedene Typen von Gesundheits-Apps identifiziert – von Anwendungen zur Stärkung der Gesundheitskompetenz bis zu solchen, die direkt intervenieren, also zum Beispiel Online-Therapieangebote.  Zu der Zeit haben wir festgestellt, dass der Großteil des Angebots am medizinischen Bedarf beziehungsweise an Public-Health-Zielen vorbeigeht. Dass es an Angeboten für chronisch Kranke oder Menschen mit Risikofaktoren fehlt. Das ist in der Tendenz immer noch so, aber die Zahl der ernst zu nehmenden, medizinisch wirkenden Apps wächst. Anfangs war wohl häufig die Begeisterung über die technologischen Möglichkeiten Antrieb für die Entwickler – einigen Herstellern und Investoren fehlte und fehlt es an Feldkompetenz. Nach unserer Beobachtung gibt es zuletzt aber immer mehr Entwicklungen aus dem Gesundheitssystem heraus, der medizinische Bedarf wird handlungsleitender. Zudem nimmt – zumindest gefühlt – die Zahl der Ärzte in den Gründerteams zu.

Digital-Health-Anwendungen für Bürger: 7 Typen
Abbildung 1: Digital-Health-Anwendungen für Bürger: Sieben Typen (Quelle: Eigene Darstellung)

Hartmannbund: Lässt sich sagen, wie gut das Angebot an medizinischen Apps auf dem Markt heute ist?

Das ist schwierig. Für einige spezifische Interventionsansätze liegen zwar Wirksamkeits- und Nutzennachweise vor, noch mangelt es aber in der Breite an guten Studien, um pauschale Aussagen über die Qualität des Angebots insgesamt zu treffen. Auch fällt es auf Basis der öffentlichen verfügbaren Informationen schwer, die Güte einzelner Angebote einzuschätzen. Wir selbst arbeiten gerade an einem Projekt, das die Transparenz im Feld der deutschsprachigen Digital-Health-Anwendungen erhöhen und die guten Anwendungen herausstellen soll – für Patienten und für empfehlende Ärzte.

Hartmannbund: Was weiß man denn darüber, wie Patienten digitale Gesundheits-Anwendungen heute nutzen? Welche Rolle spielt der Arzt für die Nutzung?

Jenseits von pauschalen statistischen Aussagen zur Nutzungshäufigkeit lässt sich wohl feststellen: Patienten werden auf Dauer die Anwendungen nutzen, die verlässlich, für sie persönlich hilfreich und technisch gut nutzbar sind. Der Arzt spielt dabei eine ganz entscheidende Rolle. Patienten würden digitale Angebote vor allem dann nutzen, wenn der Arzt sie empfiehlt oder verschreibt. Hinzu kommt: Sie wünschen sich, dass die Behandlung bei ihrem Arzt und die Unterstützung durch die App aus einem Guss funktionieren. Viele beklagen etwa, dass sie Daten etwa aus einer Diabetes-App nicht an ihren Arzt übertragen können – stattdessen jedes Mal einen Stapel Ausdrucke mit in die Praxis bringen müssen. Hier muss an Interoperabilität gearbeitet werden; sowohl im technologischen Sinn als auch mit Blick auf die Akzeptanz auf Seiten der Ärzte.

Hartmannbund: Apropos ‚Verschreibung‘: Viele Apps gibt es noch nicht, die im 1. Gesundheitsmarkt erstattet werden…

Die Zahl wächst, ist aber noch überschaubar. Einige Krankenkassen erstatten Anwendungen im Rahmen von Selektivverträgen. Die Anzahl der ‚Apps auf Rezept‘ dürfte insgesamt im niedrigen zweistelligen Bereich liegen. Zudem decken die erstatteten Anwendungen bei weitem nicht die Breite der epidemiologisch bedeutsamen Handlungsfelder ab. Gesundheits-Apps sind heute sicher noch kein selbstverständlicher Teil des Versorgungsalltags.

Hartmannbund: Woran liegt das? Sie haben in einer Studie die Hürden beim Marktzugang analysiert.

Ganz pauschal lässt sich sagen: Die etablierten Mechanismen des Transfers von Innovationen in die Regelversorgung lassen sich nicht 1:1 auf Gesundheits-Apps übertragen. Digital-Health-Anwendungen sind in ihrer Art eben anders als etwa Arzneimittel oder herkömmliche Medizinprodukte. Apps sind vergleichsweise günstig und haben etwa ganz andere Release-Zyklen. Während diese bei Arzneimitteln bis zu zehn Jahre betragen, liegen sie bei Apps mit regelmäßigen Updates häufig unter einem Jahr. Entsprechend fehlen adäquate Marktzugangsmechanismen und passender Standard für den Nutzennachweis von Apps – das ist sicher die größte Hürde. Ein weiteres Hemmnis sehen wir etwa beim Thema Vergütung, hier herrscht Unsicherheit über mögliche Finanzierungswege sowohl auf Seiten der Anbieter als auch auf Seiten der Kassen. Und auch bei der Medizinproduktezertifizierung haben die häufig branchenfremden Anbieter ebenfalls Beratungsbedarf.

Hartmannbund: Was leiten Sie ab, was ist zu tun?

Es braucht eine Einigung über spezifische Nutzenparameter von Digital-Health-Anwendungen und über einen adäquaten Standard für den Wirksamkeitsnachweis sowie die Nutzenbewertung. Zu Letzterem liegen verschiedene Vorschläge auf dem Tisch. Wir haben zudem ein öffentliches Förderprogramm für Studien zum Thema Nutzennachweis vorgeschlagen. Damit könnte man mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen. Es gäbe mehr gute Studien zur Qualität von Apps, die guten Anwendungen kämen schneller in die Regelversorgung – und nicht zuletzt würde man den Forschungsstandort Deutschland und die Durchsetzung eines Methodenstandards fördern. Darüber hinaus braucht es systematische Beratung für Anbieter zu den Anforderungen des 1. Gesundheitsmarkts und mehr Zusammenarbeit zwischen System-Akteuren und Entwicklern – schon bei der Findung und Prüfung von Produktideen. Da hat sich zwar schon einiges bewegt, aber die Zusammenarbeit kann sicher noch fruchtbarer werden.

Hartmannbund: Und zuletzt: Was empfehlen Sie Ärzten?

Wir raten im Grundsatz, die Themen ‚Gesundheits-Apps‘ und ‚Online-Gesundheitsinformation‘ aktiv aufzugreifen – auch im Dialog mit Patienten. Das ist zum einen Patientenwunsch, zum anderen können digitale Anwendungen die Behandlung gezielt unterstützen, etwa um Praxisbesuche und Krankenhausaufenthalte gezielt vor- oder nachzubereiten. Dazu gehört sicherlich auch, sich mit dem Angebot auf dem Markt zu beschäftigen und die Erstattungssituation bei Apps zu kennen.

Dass Patienten digitale Gesundheitsanwendungen nutzen, wird immer selbstverständlicher. Und wir prognostizieren, dass sich beim Angebot schon in Kürze die Spreu vom Weizen trennen wird. Und: Warum sollten nicht mehr Ärzte selbst unter die Gründer gehen oder aktiv den Kontakt zu Gründern und Anbietern suchen? Es braucht ärztliche Kompetenz im Feld.


Hartmannbund Magazin Ausgabe 03/2018 online betrachten


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