Was erwartet der „digitale Patient“ von seinem Arzt? Einschätzungen zur Patientenrolle im digitalen Wandel

Was erwartet der „digitale Patient“ von seinem Arzt? Wie können Ärzte darauf reagieren? Wollen kranke Menschen tatsächlich mit digitalen Mitteln souverän agieren können oder handelt es sich bei der viel zitierten Patientensouveränität um eine „Kopfgeburt“ des Digitalisierungsdiskurses? Die Redaktion von x.press, einem Magazin für niedergelassene Ärzte, hat unseren Projektnamen beim Wort genommen und uns um unsere Einschätzung zur Patientenrolle im digitalen Wandel gebeten. Wir veröffentlichen das Interview 1:1 hier bei uns im Blog. Die zentrale Aussage: Patienten wollen gut behandelt werden und an der Behandlung teilhaben. Wenn es hierfür sinnvolle Technologien gibt, werden sie zunehmend erwarten, dass ihr Arzt sie einsetzt. Und: Wer auch in anderen Lebenssituation selbstverständlich digital kommuniziert, möchte künftig nicht mehr zu jedem Anlass in die Praxis kommen.


x.press: Was erwartet der „digitale Patient“ von seinem Arzt?

Was erwartet der digitale Patient von seinem Arzt? Einschätzungen zur Patientenrolle im digitalen WandelDen digitalen Patienten gibt es genauso wenig wie es den Patienten gibt. Die einfachste Antwort auf die Frage ist wohl: Alle Patienten wollen gut behandelt werden, und wenn Technologie dafür sinnvoll eingesetzt werden kann, wird vom Arzt auch erwartet, dass er diese einsetzt oder zumindest anbietet. Wir sehen im Grundsatz zwei Entwicklungslinien. Zum einen ändern sich die Kommunikationsgewohnheiten der Menschen rasant. Wenn ich in jeder Lebenssituation digital kommuniziere, will ich künftig auch nicht mehr für jeden Anlass zum Arzt gehen müssen – sondern vor allem dann, wenn der persönliche Kontakt tatsächlich nötig ist. Die zweite große Entwicklungslinie besteht darin, dass vor allem chronisch kranke Patienten tendenziell souveräner agieren und sich selbstbestimmt um ihre Gesundheit kümmern wollen. Hier bietet Technologie Möglichkeiten, das zu leben. Gesundheits-Apps können da ein wichtiges Werkzeug sein.

x.press: Wenn die Patienten wirklich bereit für neue Kanäle sind, warum hat es dann zum Beispiel die Videosprechstunde so schwer? Liegt das nur an den Ärzten?

Nein. Grundsätzlich befürworten Patienten Angebote wie die Videosprechstunde, und je jünger sie sind, umso eher. Das ist die grundsätzliche Erwartungshaltung. Trotzdem wird es eine Weile dauern, bis die Kommunikation per Video als normal empfunden wird. Daran müssen sich nicht nur die Ärzte, sondern auch die Patienten gewöhnen. Wir sind da in Deutschland noch in einem frühen Stadium. Wenn Sie sich anschauen, was Kaiser Permanente oder auch Teladoc in den USA machen: Digitale Arzt-Patienten-Kommunikation gehört dort mittlerweile zum Standard. Bei jeder Technologie entsteht Akzeptanz über Erfahrung und muss sukzessive aufgebaut werden.

x.press: Die Patientensouveränität ist ja eine Art Dogma des Digitalisierungsdiskurses in der Medizin. Trifft das die Bedürfnisse kranker Menschen, oder handelt es sich um eine Kopfgeburt?

Dass Souveränität im Sinne einer vollständigen „Mündigkeit“ per se das Bedürfnis kranker Menschen ist, würde ich nicht sagen. Auch hier muss differenziert werden – nach Erkrankungen und Erkrankungsphasen. Und Souveränität kann zum Beispiel auch bedeuten, Entscheidungen in gewissen Situationen bewusst an seinen Arzt zu delegieren. Viele chronisch Kranke agieren seit Jahren souverän und kennen sich oft sehr gut mit ihrer Erkrankung aus. Der Zugang zu Informationen über das Internet oder gute Gesundheits-Apps unterstützen diese Entwicklung. Das heißt aber nicht, dass diese Patienten grundsätzlich allein entscheiden möchten. Sie wollen gemeinsam mit ihrem Arzt entscheiden.

x.press: Was bedeutet das im Hinblick auf die Rechte des Patienten an Daten in elektronischen Akten?

Das ist ein Thema, mit dem wir uns gerade intensiver beschäftigen. Grundsätzlich sollte der Patient die Souveränität über seine Daten haben. Er muss Einsicht nehmen können, und er muss auch bestimmen können, wer welche Daten sehen kann. Es braucht aus unserer Sicht aber auch eine Diskussion darüber, wo bei einrichtungsübergreifenden Akten zum Beispiel das Löschen von Daten durch den Patienten Grenzen hat beziehungsweise wie gewährleistet werden kann, dass mit den Inhalten einer Akte verantwortungsvoll umgegangen wird. Da gibt es noch keine abschließenden Antworten.

x.press: Wie sollte sich ein Arzt im Jahr 2017 digitalen Tools gegenüber positionieren?

Zuallererst würde ich empfehlen, das Thema aktiv anzugehen und den Austausch mit anderen Ärzten zu suchen, die schon umfangreichere Erfahrungen mit digitalen Tools gemacht haben. Wir sehen zum Beispiel, dass Gesundheitsinformationen im Internet nicht nur ein „Nervthema“  sein müssen, sondern sehr gut ins Positive gewendet werden können. Gute Online-Informationen erlauben es, einen Arztbesuch vor- oder nachzubereiten, was letztlich auch den Arzt entlastet. Das setzt allerdings voraus, dass der Arzt zumindest bei einigen Indikationen den Informationsmarkt auch kennt und konkrete Empfehlungen aussprechen kann. Bei Apps und Technologien wird künftig zum einen die technische Interoperabilität immer wichtiger: Wie passt die IT-Infrastruktur, die ich einsetze, zu den Tools der Patienten? Zum anderen ist eine gewisse Kenntnis der Erstattungssituation zu empfehlen. Es gibt immer mehr digitalmedizinische Tools, die Teil von Selektivverträgen sind und wenige, die auch übergreifend zur Verfügung stehen. Die können Patienten aktiv angeboten werden.


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