Handlungsempfehlung #2

Digitale Fernbehandlung: Leitlinien statt Verbote – Möglichkeiten erforschen und darstellen, Hürden abbauen

Digitale Arzt-Patienten-Kommunikation kann die ärztliche Behandlung sinnvoll ergänzen und Versorgungslücken schließen. Internationale Studien zeigen, dass etwa Video-Sprechstunden bei vielen Behandlungsanlässen medizinisch gleichwertig zum Besuch in der Praxis sind. Nach Ansicht von Experten sind diese zum Beispiel geeignet für Befundbesprechungen, das Einholen von Zweitmeinungen, für die langfristige Begleitung von chronisch Kranken oder zum „Vorfiltern“, ob ein Praxisbesuch notwendig ist. Auch die Bevölkerung erkennt den Nutzen digitaler Kommunikation mit Ärzten: So möchten zum Beispiel 54 Prozent der Deutschen ihren Arzt für die Verschreibung eines Medikaments auch online oder telefonisch kontaktieren können.

Doch die Einführung der Möglichkeiten von Telemedizin zwischen Arzt und Patient in Deutschland läuft – trotz einer inzwischen vorhandenen spezifischen Vergütungsziffer für Videosprechstunden – schleppend. Nur sehr wenige Ärzte nutzen bislang solche Möglichkeiten.

Eine zentrale Hürde für die flächendeckende Etablierung liegt in den (berufs-)rechtlichen Einschränkungen und der Wahrnehmung dieser durch die Ärzteschaft. Viele Ärzte schätzen die Restriktionen sogar noch größer ein als sie sind. Zu nennen sind das umgangssprachlich so bezeichnete „Fernbehandlungsverbot“, also die Unzulässigkeit von ausschließlicher Fernbehandlung gemäß Musterberufsordnung, und das im vergangenen Jahr vom Gesetzgeber eingeführte sogenannte „Fernverschreibungsverbot“.

Es braucht einen Wandel von einer – auch kommunikativ – negativen Abgrenzung im Sinne von Verboten hin zu einer positiven im Sinne von Leitlinien oder „Best-Practices“, die die Möglichkeiten digitaler Arzt-Patienten-Kommunikation aufzeigen. Diese „Leitlinien zur digitalen Fernbehandlung“ sollten – wenn möglich fachgebietsspezifisch – die existierende Evidenz zusammentragen und Empfehlungen für die digitale Behandlung in unterschiedlichen Formen und über unterschiedliche Kanäle ableiten. Dazu sollten die Möglichkeiten und Grenzen auch ausschließlicher Fernbehandlung in Modellversuchen und durch die Evaluation von bestehenden Versorgungsansätzen systematisch erforscht werden  – hier geht die Landesärztekammer Baden-Württemberg mit gutem Beispiel voran. Die gesetzliche Hürde des Fernverschreibungsverbots muss wieder abgebaut werden, zumindest in der Form, dass zulässige Anlässe und Formen der Fernverschreibung beschrieben werden.


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Quellen der empirischen Grundlage

  1. Thranberend T, Hartge F, Fink, C. SPOTLIGHT Gesundheit – Video-Sprechstunden. Bertelsmann Stiftung. Gütersloh 2015. ISBN 2364-5970.
  2. Thranberend T, Bittner J. Telemedizinische Verschreibung von Medikamenten – Ergebnismitteilung zur Bevölkerungsbefragung. Bertelsmann Stiftung. Gütersloh 2016.

Erklärung

Diese Handlungsempfehlung ist abgeleitet aus den Studien und Analysen des Projekts „Der digitale Patient“. Der Inhalt der Handlungsempfehlung entspricht nicht zwangsläufig der Meinung jedes einzelnen Mitglieds des Expertennetzwerks „30 unter 40“.

zuletzt aktualisiert am 19.06.2017



Kommentare

  1. / von Dr. Klaus Strömer

    Zu unterscheiden sind Neue Medien im Setting des Sozialgesetzbuch V, das als Versicherungsrahmen für in Deutschland Pflichtversicherte zurecht höchsten Qualitätsstandards und vor allem im Umgang recht sperrigen Datenschutzbestimmungen unterliegt und der privaten Entscheidung eines Erkrankten, derartige Angebote in Eigeninitiative und ausserhalb seines Versicherungsschutzes wahrzunehmen.
    Im Umgang umständliche Regularien wie Einschreibung, schriftlicher Zustimmung, Datenschutz liegen hier im Ermessen des Einzelnen.
    Der durchschnittliche Umgang mit „social media“ unterscheidet sich nicht zufällig von Angeboten in einem qualitätsgesicherten Umfeld.

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