Handlungsempfehlung #16

Potenzial von „Big Data“ ausschöpfen – Kohärenten Rechtsrahmen zur Verwendung medizinischer Daten schaffen

Um Big-Data-Anwendungen in der medizinischen Regelversorgung nutzbringend einsetzen zu können, werden umfangreiche Daten benötigt. Versorgungsforschung und Patienteninformation, medizinische Grundlagenforschung sowie algorithmenbasierte Diagnose- und pharmazeutische Testmodelle können immer nur so gut sein wie die Datengrundlage, auf der sie basieren. Der sich daraus ergebene Anspruch auf Datenzugang wird allerdings an vielen Stellen durch den Hinweis auf tatsächliche oder angebliche Datenschutzanforderungen eingeschränkt.

Der Schutz persönlicher und medizinischer Daten ist wichtig, um möglichen negativen Effekten der Datenverwendung entgegenzuwirken, beispielsweise Einschränkungen der Privatsphäre, Diskriminierungen oder Entsolidarisierungseffekten. Es muss eine Abwägung getroffen werden zwischen dem Schutz des Einzelnen, insbesondere auf Seiten der Leistungserbringer, und dem Nutzen der Datenverwendung für die Gesellschaft. Der Schutz der ärztlichen Leistungsdaten oder Geschäftsgeheimnisse dürfen jedoch nicht per se als Gegenargumente für die Verwendung medizinischer Daten ins Feld geführt werden, wie es etwa häufig der Fall beim Zugang zu sogenannten Routinedaten ist. Hier haben abseits der universitären Forschung viele Akteure keinerlei Zugriff, obwohl die Daten zum Beispiel für die Nutzenbewertung sinnvoll eingesetzt werden könnten.

Vor diesem Hintergrund bedarf es eines kohärenten Rechtsrahmens, der Akteuren mit gesellschaftlich relevantem Verwendungsinteresse Zugang zu Routinedaten aber auch anderen anonymisierten oder pseudonymisierten Daten des Gesundheitswesens verschafft und diesen anhand des Verwendungszwecks reguliert. So ist denkbar, dass die Zugriffsmöglichkeiten, das Aggregationsniveau sowie die Anforderungen an Anonymisierung und Pseudonymisierung der Daten je nach Verwendungszweck gestaffelt sind – etwa in den Bereichen medizinischer Grundlagenforschung, Versorgungsforschung und pharmazeutischer Forschung oder für Analysen durch gemeinnützige Akteure und ggf. auch zum sinnvollen kommerziellen Gebrauch (z. B. bei der Entwicklung von nutzenstiftenden Digital-Health-Anwendungen). Für kommerzielle Zwecke würden dann zum Beispiel höhere Anforderungen gelten als für die Grundlagen- oder Versorgungsforschung. Auf diese Weise könnten alle Akteure die Potenziale von Big Data nutzen und gleichzeitig Datenschutzanforderungen zuverlässig und in angemessener Weise erfüllt werden.

Ergänzung: Im November 2017 hat der Deutsche Ethikrat in seiner Stellungnahme „Big Data und Gesundheit“ die Etablierung der Möglichkeit von Datenspenden empfohlen. Für die Einwilligung der Patienten schlägt der Rat Kaskadenmodelle vor, die „verschiedene dynamisierte Möglichkeiten bieten, Einwilligungsentscheidungen einmalig, regelmäßig oder für jeden Entscheidungsfall neu zu treffen“.


Sie möchten keine Handlungsempfehlung verpassen?
Abonnieren Sie hier unseren Newsletter:

Erklärung

Das Expertennetzwerk „30 unter 40“ begleitet das Projekt „Der digitale Patient“ der Bertelsmann Stiftung. Diese Handlungsempfehlung basiert auf der Idee eines oder mehrerer Experten des Netzwerks. Der Inhalt der Handlungsempfehlung entspricht nicht zwangsläufig der Meinung jedes einzelnen Netzwerk-Experten oder der Bertelsmann Stiftung.

zuletzt aktualisiert am 27.04.2018



Kommentar verfassen