Handlungsempfehlung #15

Qualität von Online-Selbsthilfegruppen fördern – Mittel für zeitgemäße Lösungen bereitstellen

Selbsthilfegruppen bieten vor allem für chronisch Erkrankte eine wichtige Unterstützung. Diese können dort in den Austausch mit anderen Betroffenen treten, erhalten neue Informationen und emotionalen Rückhalt durch das gemeinsame Bewältigen der Krankheit. Selbsthilfegruppen können Patienten dabei helfen, autonomer und kompetenter mit ihrer Erkrankung umzugehen.

Selbsthilfegruppen im Internet erscheinen manchen vielleicht unpersönlicher als der Kontakt von Angesicht zu Angesicht, aber sie sind mit Vorteilen verbunden. Sie sind geeignet, das Nutzungsmotiv vieler Onliner zu erfüllen, nämlich die Suche nach emotionaler Absicherung in Gesundheitsfragen. Sie bieten die Möglichkeit, anonym zu bleiben und so leichter auch über unangenehme Themen sprechen zu können. Sie sind unabhängig von Zeit und Raum zugänglich – eine große Erleichterung für Menschen, die in ihrer Mobilität eingeschränkt sind. Und sie bieten mehr Interaktionsmöglichkeiten, weil die Teilnehmerzahl potenziell unbegrenzt ist.

Plattformen und Netzwerke aus anderen Ländern zeigen, dass es moderne und innovative Angebote aus dem Bereich Selbsthilfe gibt. Ein Beispiel ist die britische Plattform HealthUnlocked, ein soziales Netzwerk, in dem sich Menschen mit Gleichgesinnten über Gesundheitsthemen und Krankheiten austauschen können. Viele der über 600 Communities werden von führenden Gesundheitsorganisationen angeboten (z. B. NHS England, British Lung Foundation). Ein Algorithmus wertet die Erfahrungen aus, die die Nutzer in den Communities austauschen, und zeigt ihnen für sie passende Inhalte an. HealthUnlocked ist Teil des NHS Innovation Accelerator Programms und finanziert sich unter anderem über die Rekrutierung von Teilnehmern für klinische Studien.

Auf der Plattform PatientsLikeMe tauschen sich über 500.000 Patienten nicht nur aus, sie überwachen auch ihren Gesundheitszustand und teilen die Informationen (z. B. zu Nebenwirkungen oder Symptomen). Die Daten werden den Nutzern in Grafiken aufbereitet und dienen zudem als Grundlage für wissenschaftliche Analysen. In einer Studie gab ein Großteil der Befragten (72%) mit ALS, MS oder Parkinson an, durch das Online-Selbsthilfe-Portal ein besseres Verständnis ihrer Symptome zu haben.

Um ähnliche Angebote auch in Deutschland umzusetzen, die Qualität bestehender Angebote zu verbessern und zugleich deren Unabhängigkeit zu sichern, braucht es gezielt eingesetzte Fördermittel, z. B. im Rahmen der krankenkassenindividuellen Selbsthilfeförderung. Denn in Deutschland sind viele Angebote sowohl gestalterisch als auch technisch veraltet. Mit sozialen Netzwerken, die viele Nutzer in ihrem Alltag gewohnt sind, können sie in ihrem Design und Funktionen bei Weitem nicht mithalten. Zudem benötigt Online-Selbsthilfe ein professionelles Community-Management, um die Qualität der ausgetauschten Informationen zu sichern.

Den Betreibern fehlt häufig das technische Know-How, um zeitgemäße Lösungen zu gestalten. Vor allem aber mangelt es an Ressourcen, um Experten zu engagieren, die innovative Lösungen zur Vernetzung und Information aufbauen – Lösungen, die zugleich ansprechend und inhaltlich verlässlich sind.


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Erklärung

Das Expertennetzwerk „30 unter 40“ begleitet das Projekt „Der digitale Patient“ der Bertelsmann Stiftung. Diese Handlungsempfehlung basiert auf der Idee eines oder mehrerer Experten des Netzwerks. Der Inhalt der Handlungsempfehlung entspricht nicht zwangsläufig der Meinung jedes einzelnen Netzwerk-Experten oder der Bertelsmann Stiftung.

zuletzt aktualisiert am 27.04.2018



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