Handlungsempfehlung #14

Datenspenden für medizinische Forschung ermöglichen – Rechtsgrundlage schaffen und Patientenbedürfnisse evaluieren

Die Analyse großer Datenmengen – kurz „Big Data“ – kann dazu genutzt werden, Diagnosen und Behandlungen zu verbessern sowie neue Behandlungsmethoden zu entwickeln. Forscher brauchen dazu die Daten von Patienten. Diese Daten sind jedoch oft nicht oder nur mit großen Aufwand zugänglich. Zum einen ist die Datenverarbeitung für Forschungszwecke streng zweckgebunden. Bereits erhobene Daten können deshalb nur für weitere Studien und Analysen genutzt werden, wenn die Zustimmung der Patienten erneut eingeholt wird. Zudem dürfte es eine Vielzahl von Patienten geben, die nicht bereit sind, ihre Daten für die medizinische Forschung freizugeben. Medizinische Daten sind sensible Daten und es herrscht Misstrauen gegenüber der Verwendung der Daten durch Dritte.

Um diese strukturellen Hürden abzubauen und persönlichen Vorbehalten kommunikativ zu begegnen, braucht es neue Ansätze wie das Konstrukt der freiwilligen „Datenspende“. Patienten könnten über die enge Zweckbindung hinaus die Nutzung von Daten für die medizinische Forschung erlauben.

Eine solche Datenspende bräuchte eine adäquate Rechtsgrundlage und eine Strategie für die operative Umsetzung und die Kommunikation in Richtung der Patienten.

Um diese Strategie auszugestalten, könnten Pilotprojekte durchgeführt werden, in denen die Rahmenbedingungen für die Datenverarbeitung und Anreizmodelle für Datenspenden evaluiert werden. Fragestellungen auf Patientenseite könnten sein: Welcher Aufklärungsbedarf über Nutzen und Risiken von Datenspenden sowie über die Verwendung von Daten in der Forschung existiert? Wie sollte die Entscheidungsfindung zur Datenbereitstellung gestaltet sein, welche Entscheidungshilfen braucht es? Welche Datenschutzerwägungen treffen etwa chronisch Kranke und unterscheiden sich diese von denen akut Erkrankter oder Gesunder? Zudem gilt es zu ergründen, unter welchen Umständen Menschen bereit sind, ihre medizinischen Daten für Forschungszwecke zu spenden. In welchem Umfang sind sie dazu bereit und für welchen Zeitraum wollen sie ihre Daten bereitstellen? Und: Kann die Selbstselektion der Datenspender die Forschungspopulation ergebnisrelevant verzerren?

Überdies könnten in den Projekten Kommunikationsstrategien und – möglicherweise –Anreizsysteme für Datenspenden entwickelt und getestet werden. Für den Einsatz von Incentives müssten allerdings zuvor ethische und rechtliche Maßstäbe genau geprüft werden. Auch sollte geklärt werden, über welche Infrastruktur Daten erfasst, gespeichert und zugänglich gemacht werden könnten – und für welche Zwecke die Daten zur Verfügung stehen. Eine mögliche technologische Plattform für die Umsetzung der Spenden und der Aufklärung von Patienten wären die sich in Entwicklung befindlichen einrichtungsübergreifenden Elektronischen Patientenakten.

Ergänzung: Im November 2017 hat der Deutsche Ethikrat in seiner Stellungnahme „Big Data und Gesundheit“ die Etablierung der Möglichkeit von Datenspenden empfohlen. Für die Einwilligung der Patienten schlägt der Rat Kaskadenmodelle vor, die „verschiedene dynamisierte Möglichkeiten bieten, Einwilligungsentscheidungen einmalig, regelmäßig oder für jeden Entscheidungsfall neu zu treffen“.


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Erklärung

Das Expertennetzwerk „30 unter 40“ begleitet das Projekt „Der digitale Patient“ der Bertelsmann Stiftung. Diese Handlungsempfehlung basiert auf der Idee eines oder mehrerer Experten des Netzwerks. Der Inhalt der Handlungsempfehlung entspricht nicht zwangsläufig der Meinung jedes einzelnen Netzwerk-Experten oder der Bertelsmann Stiftung.

zuletzt aktualisiert am 27.04.2018



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