Handlungsempfehlung #11

Krankenversicherungen zu Finanzierung verpflichten – Wirksamkeit von Digital-Health-Anwendungen erproben, erfolgreiche Innovationen in Regelversorgung überführen

Kooperationen zwischen gesetzlichen oder privaten Krankenversicherungen und Anbietern von Digital-Health-Anwendungen bieten grundsätzlich Vorteile für beide. Anbieter – beispielsweise Start-ups – können von dem Vertrauen profitieren, das die Krankenversicherungen bereits bei ihren Versicherten erworben haben. Krankenversicherungen können Versicherte, um die sie im Wettbewerb stehen, mit den Digital-Health-Anwendungen besser erreichen und einen Beitrag zur Verbesserung der Versorgung leisten.

Bisher sehen Krankenversicherungen diesen Vorteil jedoch eher unter Aspekten guten Marketings, und nicht primär vor dem Ziel einer besseren Patientenversorgung. Außerdem haben nur einzelne Kassen Selektivverträge mit Anbietern von Digital-Health-Anwendungen abgeschlossen. Es gelingt noch nicht, Innovationen systematisch in die Regelversorgung zu überführen. So fehlen Finanzierungsmöglichkeiten für Anbieter – vor allem für den Nachweis des Nutzens – und Anreize auf Seiten der Krankenversicherungen. Wie können gleichzeitig Finanzierungsmöglichkeiten für Anbieter geschaffen werden, um Evidenz zu generien und gleichzeitig das Investitionsrisiko von einzelnen Kassen verteilt werden?

Alle Krankenversicherungen sollten verpflichtet werden, beispielsweise mit 0,05 bis 0,1 Prozent ihres Gesamtbudgets von 213,7 Milliarden EUR (entspricht rund EUR 1,50 bis 3,00 pro Versichertem pro Jahr) als „Budget für digitale Gesundheit“ entsprechende Anbieter zu finanzieren. Dieses Budget sollte Teil einer übergeordneten Innovationsstrategie der Krankenkassen sein.

Die Anbieter sollen ihre Digital-Health-Anwendungen für einen begrenzten Zeitraum (beispielsweise 6 – 24 Monate) mit freiwilligen Teilnehmern erproben und auf ihre Wirksamkeit testen können. Die Verpflichtung soll den Innovationsfonds ergänzen. Denn dort werden nur Innovationen gefördert, die Prozesse unterstützen und Strukturen verbessern – nicht aber Produktinnovationen an sich. Mit den verpflichtenden Investitionen sollen „erwachsene“ Digital-Health-Anwendungen unterstützt werden, die nach transparenten Kriterien ausgewählt werden. Sie sollen etwa bereits nachgewiesen haben, dass sie funktionieren und somit schon als Medizinprodukt zertifiziert sein. Nicht gefördert werden sollen demnach Grundlagenforschung und Produktentwicklung. Gesetzliche Krankenkassen, die ihr Budget nicht im Kalenderjahr ausschöpfen, sollen die nicht-verausgabten Beträge an die Kassen verteilt werden, die ihr Budget voll verausgabt haben (analog dem Vorgehen beim Präventionsbudget).

Erfolgreiche Digital-Health-Anwendungen sollen anschließend analog den Innovationsfonds-Projekten zwingend und in einem noch zu definierenden geregelten, zeitlich begrenzten Verfahren in die Regelversorgung für alle GKV-Versicherte übergehen.

Bisher können Krankenkassen freiwillig Anbieter finanzieren, mit denen sie einen Selektivvertrag schließen. Für eine Verpflichtung aller Krankenversicherungen müsste ein entsprechender Passus in den gesetzlichen Grundlagen (SGB V für GKV) ergänzt werden.


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Erklärung

Das Expertennetzwerk „30 unter 40“ begleitet das Projekt „Der digitale Patient“ der Bertelsmann Stiftung. Diese Handlungsempfehlung basiert auf der Idee eines oder mehrerer Experten des Netzwerks. Der Inhalt der Handlungsempfehlung entspricht nicht zwangsläufig der Meinung jedes einzelnen Netzwerk-Experten oder der Bertelsmann Stiftung.

zuletzt aktualisiert am 04.07.2017



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