E-Health-Strategie: Warum wir einen integrierten Ansatz für Europa brauchen

Von der elektronischen Patientenakte bis zur Telemedizin: Die Digitalisierung der Gesundheitswesen in den Ländern der Europäischen Union schreitet unterschiedlich rasch voran und gleicht einem Flickenteppich. Zwar gibt es eine Vielzahl guter europäischer Initiativen im Umgang mit E-Health. Doch ein klares, gesamteuropäisches Zielbild fehlt bisher. In einem Impulspapier plädieren wir für eine integrierte europäische E-Health-Strategie. Das Papier zeigt auf, warum die EU von einem einheitlichen E-Health-Markt profitiert – und wie die Umsetzung einer gemeinsamen E-Health-Vision gelingen könnte.


Bis vor Kurzem konnte die Corona-Warn-App des Bundes nur vor „deutschen“ Risiko-Begegnungen warnen. Also nicht vor Risikokontakten mit Personen, die eine Warn-App zum Beispiel aus Italien oder Dänemark benutzen. Diese Schwachstelle ist nun in weiten Teilen ausgemerzt: Durch den Aufbau des sogenannten EU Federation Gateway Service können die Warn-Apps aus verschiedenen europäischen Mitgliedsstaaten die Daten seit Herbst länderübergreifend austauschen.

Die Corona-Pandemie ist nur ein Beispiel, das eines sehr deutlich macht: Fragmentierte Ansätze bieten keine vollständig nachhaltigen Lösungen. Was den Kampf gegen das Coronavirus betrifft, das keine Ländergrenzen kennt, müssen die Länder Europas gemeinsame Strategien entwickeln, um der Pandemie Herr zu werden.

Aber nicht nur bei der Pandemie-Bekämpfung ist eine gemeinsame Strategie ein erstrebenswertes Ziel. Zwar haben die EU und ihre Mitgliedstaaten schon vor einiger Zeit erkannt, welches Potenzial im Einsatz von E-Health steckt, um die Gesundheitsversorgung, die Information von Patienten sowie den Zugang zu medizinischen Behandlungen grundlegend zu verbessern. Entsprechend gibt es zahlreiche Strategie-Elemente und entsprechenden Aktivitäten zur Förderung von E-Health auf EU-Ebene. Doch: Noch sind diese Elemente nicht integriert – im Sinne einer schlüssigen und effektiven Gesamtstrategie.

Ob elektronische Patientenakten, Zugang zu Telemedizin, nationale Gesundheitsportale, Gesundheits-Apps in der Regelversorgung oder das E-Rezept: Auch bei den einzelnen Technologien gleicht Europa weitgehend einem Flickenteppich aus verschiedensten Lösungsansätzen; der digitale Wandel schreitet in unterschiedlichem Tempo voran. Eine gemeinsame Vision oder ein umfassend integriertes strategisches Vorgehen zur Koordination der bestehenden Ansätze gibt es bisher nicht. Dabei bilden die europäische Datenschutz-Grundverordnung, die Medizinprodukte-Verordnung sowie der Binnenmarkt für Daten bereits eine solide Basis für einen europäischen Rahmen – also für ein „E-Health Made in Europe“.

Eine integrierte europäische E-Health-Strategie wäre zum einen Rahmen für nationale Strategien, zum anderen Kristallisationspunkt für länderübergreifende Aktivitäten. Sie wäre auch ein Grundpfeiler für ein bürgerorientiertes Gesundheitswesen – ein Gesundheitswesen, das die Möglichkeiten der Digitalisierung ausschöpft, um Patienten den Zugang zu qualifizierten Versorgungsangeboten von jedem Ort aus zu erleichtern. Und für eines, in dem die Zusammenarbeit und die Informationsflüsse zwischen allen am Versorgungsprozess Beteiligten optimiert ist. Zwei Beispiele: Erstens haben EU-Bürger das Recht, in jedem EU-Land Gesundheitsdienstleistungen in Anspruch nehmen zu können, deren Kosten ihnen im Heimatland erstattet werden. Zweitens hat die deutsche EU-Ratspräsidentschaft den europäischen Gesundheitsdatenraum in der Agenda fest verankert. Es soll ein gemeinsamer europäischer Raum geschaffen werden, der den Austausch von Daten ermöglicht, mit dem Ziel, die Versorgung zum Wohle von Patienten zu verbessern und die Grundlagenforschung in Europa zu fördern.

Wie eine integrierte Strategie gelingen kann

Wie also kann eine integrierte Strategie gelingen? Unsere Antworten auf diese Frage haben wir als Impulse für eine integrierte europäische E-Health-Strategie aus drei Perspektiven zusammengefasst:

  1. Die Perspektive eines bürgerorientierten Gesundheitswesens, das für Patienten einen echten Mehrwert bietet.
  2. Die ökonomische Perspektive, die die Vorteile beleuchtet, wenn ein vereintes Europa im Digitalisierungswettbewerb mit anderen Großmächten wie den USA oder China steht – und dabei die Prinzipien des europäischen Sozialstaats berücksichtigt.
  3. Die Perspektive der Governance, also der Blick darauf, wie E-Health unter Wahrung der Kompetenzen der Mitgliedstaaten in Kooperation mit den europäischen Institutionen umgesetzt werden kann.

Ganz gleich, aus welchem Blickwinkel man die Lage betrachtet: Eine integrierte Strategie kann aus unserer Sicht im Kern nur gelingen, wenn sie in Szenarien gedacht wird und klare Kommunikationsformate beinhaltet, die alle Stakeholder abholt.

Das heißt: Erstens gilt es, klare gesamteuropäische Zielbilder zu definieren, die in die Zukunft blicken. Eine klare E-Health-Strategie definiert gesundheitspolitische Szenarien im Vorfeld als mögliche tipping points, wie etwa globale Marktentwicklungen oder die Einführung neuer technologischer Entwicklungen in die Versorgung. Auf diese Weise könnte ein einheitlicher europäischer E-Health-Markt rasch auf dynamische Veränderungen reagieren und flexible Entscheidungen ermöglichen.

Zweitens nimmt eine eindeutige E-Health-Strategie die Bürgerinnen und Bürger sowie alle anderen Stakeholder der EU wie etwa E-Health-Anbieter, Investoren, Leistungserbringer oder andere Interessensgemeinschaften mit. Dafür ist eine klare, zielgruppenspezifische Kommunikationsstrategie über „E-Health Made in Europe“ unerlässlich. Sei es in Form von Kampagnen, die Bürger emotional ansprechen und transparent Nutzen und Risiken von E-Health transportieren oder in Form von Veranstaltungen, Diskussionsgruppen oder anderen Diskursformaten für ein Fachpublikum. Eine integrierte Strategie muss von allen Beteiligten insbesondere verstanden – und schließlich auch umgesetzt und gelebt werden.

Das Impulspapier der Bertelsmann Stiftung umfasst insgesamt sieben Handlungsempfehlungen für eine integrierte europäische E-Health-Strategie. Eine Auswahl daraus werden wir in weiteren Blogposts detaillierter beleuchten:

  1. Eine integrierte europäische E-Health-Strategie muss sich an den Bedürfnissen der Bürger orientieren.
  2. E-Health muss strategisch eingesetzt werden, wenn in Krisensituationen wie der Covid-19-Pandemie EU-weit zu reagieren ist.
  3. Eine integrierte europäische E-Health-Strategie muss die Governance für einen europäischen Datenraum beinhalten.


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