Von anderen Ländern lernen: Wie gelingt die Digitalisierung des Gesundheitswesens? – Internationale Vergleichsstudie gestartet

Deutschland – so eine häufig gehörte Feststellung – hinkt anderen Ländern bei der Digitalisierung des Gesundheitswesens deutlich hinterher. Doch wo gibt es den größten Aufholbedarf? Welche Strategien verfolgen andere Länder? Und was können wir von ihren Erfahrungen lernen? In einer internationalen Vergleichsstudie möchten wir in den kommenden Monaten herausfinden, was eine erfolgreiche nationale Digitalisierungsstrategie ausmacht. Dazu analysieren wir die jeweiligen Rahmenbedingungen, die Fortschritte und Erfolgsfaktoren in 17 verschiedenen Gesundheitssystemen. Unsere Ausgangsthese: Um die Potenziale der Digitalisierung für die Gesundheitsversorgung zu nutzen, braucht es – unabhängig von Größe und politischem System des Landes – eine langfristige nationale Strategie, ein klares Zielbild und politische Führung.


„Deutschland soll zum Vorreiter bei der Einführung digitaler Innovationen in das Gesundheitssystem werden“, heißt es auf Seite 35 des in dieser Woche von CDU/CSU und SPD besiegelten Koalitionsvertrags. Ein erfreulicher Anspruch. Und ein hoch gestecktes Ziel. Denn dass Deutschland bei der Digitalisierung des Gesundheitssystems im internationalen Vergleich noch Aufholbedarf hat, ist keine allzu umstrittene Feststellung. Für den entsprechenden Nachweis allein bräuchte es keine (neue) Studie – das zeigen schon die kursierenden Erfahrungsberichte aus Ländern wie Dänemark, Schweden oder Estland. Und ein kritischer Blick darauf, was in Deutschland bereits flächendeckend (!) etabliert ist. Aber: In welchen Bereichen gibt es den größten Aufholbedarf? In wie weit lassen sich die jeweiligen Gesundheitssysteme überhaupt mit der Situation in Deutschland vergleichen? Welche Strategien verfolgen erfolgreiche Länder? Und was können – oder sollten – wir davon lernen? Das wollen wir in den kommenden Monaten untersuchen.

Digitalisierungsstrategien von 17 Ländern im Vergleich

In unserer Studie mit dem Forschungsinstitut Empirica analysieren wir die Digitalisierungsstrategien in 14 europäischen Staaten und weiteren drei OECD-Ländern. Dabei wollen wir über eine „bloße“ Beschreibung des Digitalisierungsgrades hinausgehen und ein tiefgreifendes Verständnis für die jeweiligen nationalen Rahmenbedingungen und Erfolgsfaktoren entwickeln. Wir schauen uns zum Beispiel an, wie der Rechtsrahmen in den jeweiligen Ländern ausgestaltet ist, ob es niedergeschriebene Strategien gibt und welche Governance-Struktur existiert. Das bringen wir in Verbindung mit dem Vorhandensein einer Infrastruktur und der tatsächlichen Nutzung von digitalen Anwendungen: Gibt es eine Elektronische Patientenakte, werden elektronische Rezepte eingesetzt, gibt es Telekonsultationen zwischen Arzt und Patient und werden neue Möglichkeiten der Datenanalyse für die Forschung genutzt? Besonders wichtig ist uns dabei, den internationalen Variantenreichtum zu analysieren und abzubilden.

Analyse von 14 EU-Mitgliedsstaaten und 3 OECD-Ländern: Wo sind E-Health-Strategien erfolgreich?
Die Studie untersucht 14 europäische Länder sowie Australien, Kanada und Israel.

Darum umfasst unsere Studie neben Deutschland zunächst alle großen EU-Mitgliedstaaten wie Frankreich, Italien, Polen, Spanien und das Vereinigte Königreich. Es handelt sich um Länder, die zwar recht unterschiedliche Gesundheitssysteme haben, in Bezug auf ihre Fläche aber vor ähnlichen geografischen und regionalen Anforderungen wie Deutschland stehen.

Darüber hinaus wollen wir schauen, wie Länder mit relativ ähnlichen Gesundheitssystemen wie Deutschland sich der Digitalisierung stellen. Die Studie untersucht also auch Belgien, die Niederlande, Österreich und die Schweiz, deren Gesundheitssysteme auf dem Versicherungsprinzip beruhen. Abgerundet wird das Bild durch die allgemein als fortschrittlich anerkannten Länder im hohen Norden Europas: Dänemark, Estland und Schweden. Und schlussendlich werfen wir einen analytischen Blick über den Tellerrand Europas auf zwei flächenmäßig sehr große, föderal organisierte OECD-Länder, nämlich Kanada und Australien, und ein kleineres, als High-Tech-Standort bekanntes Land: Israel.

Zwei Studienteile: Digital-Health-Index und „Lessons learned“

Um die strategischen Ansätze dieser Länder zu verstehen, wird im ersten Studienteil ein internationales Expertenpanel einen umfassenden, standardisierten Fragebogen bearbeiten – zur Policy-Aktivität im jeweiligen Land, zur „Readiness“ für Vernetzung und Datennutzung und zur tatsächlichen Nutzung von Daten. Die Ergebnisse dieser Untersuchung werden wir in einem sogenannten Digital-Health-Index abbilden, der die Länder in eine Rangfolge bringt.

In einem zweiten Studienteil nehmen wir fünf Länder genauer unter die Lupe nehmen – unter anderem auch mit Recherchen vor Ort. In Dänemark, Frankreich, den Niederlanden, der Schweiz und Israel untersuchen wir, warum Digitalisierungsstrategien in manchen Ländern zum Erfolg führen, in anderen wiederum nicht. Dafür werden verschiedene Rahmenbedingungen der Gesundheitspolitik, aber auch die politischen Präferenzen sowie wirtschaftliche und kulturelle Faktoren berücksichtigt.

Ausgangsthese: Langfristige Strategie und politische Führung sind erfolgskritisch

Insgesamt beruht unsere Studie auf der These, dass der digitale Wandel im Gesundheitswesen dann gelingt, wenn es eine langfristige nationale Strategie und ein klares Zielbild gibt. Und wenn die Politik konsequent handelt und Führung übernimmt; ganz unabhängig vor der Größe des jeweiligen Landes und vom politischen System. Diese These speist sich aus bereits existierenden Untersuchungen und den Erfahrungen unserer Kollegen bei den Recherchen für den Reinhard-Mohn-Preis 2017  – Titel: „Smart Country – Connected. Intelligent. Digital“. Dort wurde übrigens der ehemalige estnische Staatspräsidenten Toomas Hendrik Ilves ausgezeichnet, ein politischer Vordenker und Antreiber der Digitalisierung.

Dass es eine Strategie braucht, sehen auch die Koalitionäre – auch wenn der hauptsächliche Impuls des Vertrags aus dem Unterkapitel „Forschung und Innovation“ kommt, nicht aus dem „Gesundheitsteil“. So heißt es auf Seite 35 weiter: „Wir werden eine Roadmap zur Entwicklung und Umsetzung innovativer E-Health-Lösungen erarbeiten.“ Wir hoffen, dass die Erkenntnisse unserer Studie dabei helfen können. Und natürlich werden wir zu gegebener Zeit den Blick darauf werfen, was aus diesem Anspruch geworden ist.


 

Verfolgen Sie die Eindrücke unserer Länderreisen zur Studie bis Ende 2018

Die vollständigen Ergebnisse unserer internationalen Vergleichsstudie werden wir im November 2018 vorstellen. Bis dahin veröffentlichen wir nach und nach interessante Erkenntnisse und gute Beispiele aus anderen Ländern hier bei uns im Blog.

Wenn Sie diese Einzelauswertungen der Studie und die Veröffentlichung nicht verpassen wollen, empfehlen wir die Anmeldung zu unserem E-Mail-Newsletter:



Kommentar verfassen